
Wir alle wissen, dass es nicht genügt, nur den Scrum Guide auswendig zu lernen, aber was man tatsächlich an Kenntnissen und Fähigkeiten in diesem Job braucht, sagt Euch keiner. Alles, was Ihr dazu finden könnt, sind ein paar vage Soft Skills. Wir wollen die Sache hier etwas genauer beleuchten, um sowohl frischen Coaches als auch den Hiring Teams ein paar Anregungen mitzugeben.
Warum ist das wichtig? Weil dieser Job sehr viel mehr beinhaltet als nur die Scrum Zeremonien im Team durchzuführen und dafür zu sorgen, dass Meetings pünktlich enden. Auf die Uhr schauen kann auch ein dressierter Affe. Unser Job ist es, dafür zu sorgen, dass Organisationseinheiten liefern, und dazu gehört sehr viel mehr als nur Scrum.
Bevor wir zu den Soft Skills kommen, über die fast nur in diesem Zusammenhang gesprochen wird, sollten wir einen Blick auf ein paar andere Kenntnisse richten, von denen keines unabdingbar ist, die ich aber allesamt für sehr hilfreich halte.
Entwicklungs- und IT-Basiswissen
Wir bewegen uns in den allermeisten Fällen im Umfeld der Softwareentwicklung oder IT Infrastruktur. Natürlich könnte man Teams und Organisationseinheiten auch begleiten, wenn man überhaupt keine Ahnung von dem hat, was die da eigentlich tun, aber nichts von dem zu verstehen, worüber die Kollegen und Kolleginnen da sprechen, macht es uns sehr viel schwerer.
Wie können wir beurteilen, wenn die Diskussion zu sehr ins Detail geht oder abschweift? Wie können wir beurteilen, wie schwerwiegend ein angesprochenes Problem ist? Wir müssen ständig nachfragen und uns Dinge erklären lassen. Das macht uns manchmal sogar lästig, weil da immer noch eine Person ist, der man alles erklären muss.
Und ja – das ist notwendig, weil wir die Probleme verstehen müssen, die wir gemeinsam mit unseren Teams aus dem Weg räumen.
Das Learning kommt auch on-the-job – keine Frage, aber wenn Ihr keinen technischen oder Entwicklungshintergrund habt, dann versucht bitte, diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen, damit Ihr nicht immer dem Verstehen hinterherlaufen müsst.
Prozess- und Projektmanagement
Dieser Punkt ist schwer zu greifen und schwer in ein klassisches Tätigkeitsfeld zu pressen. Vielleicht könnte man auch sagen: Management allgemein. Der Hintergrund ist, dass unsere Teams immer Teil von etwas Größerem sind. Sie müssen mit anderen Teams an einem Produkt zusammenarbeiten. Bei dem ganzen geht es nicht um das Aufrechterhalten eines Status Quo sondern um Optimierung. Dafür müssen wir das Umfeld kennen, in dem wir optimieren sollen.
Und ganz wichtig: wir sind Teil der Leistungserbringung und damit in der Ablauforganisation, die irgendwie mit der Aufbauorganisation verbunden ist.
Wir sollten also wissen, wie Unternehmen und Prozesse überhaupt funktionieren – wieder, weil unser Job nicht nur ist, dafür zu sorgen, dass sich unsere Teams an die Scrum Zeremonien halten, sondern weil wir dafür sorgen müssen, dass die Abläufe ineinandergreifen – auch jene, die überhaupt nichts mit Scrum zu tun haben. Dafür müssen wir wissen, wie diese Dinge in Unternehmen generell funktionieren, und darüber hinaus, wie sie in unseren Unternehmen funktionieren.
Nur dann sind wir in der Lage, uns ein Bild über die komplexeren Verbindungen unserer Teams zu machen und diese zu optimieren. Das bezieht sich sowohl auf die Prozesse als auch auf die generelle Organisation eines Unternehmens.
Anders als bei Grundlagen zu Entwicklung oder IT sind wir in diesem Punkt kaum in der Lage, unseren Job zu machen, wenn wir hier völlig ratlos sind, weil wir dann nur innerhalb unseres Teams wirken könnten, und das ist einfach nicht genug.
Wenn Euch also dieses unternehmerische Basiswissen fehlt, weil Ihr vielleicht einen gänzlich anderen Hintergrund habt, dann holt das bitte schnellstmöglich nach. Organisationsentwicklung (zumindest Teile davon) ist integraler Bestandteil unseres Jobs. Auch das lernt man natürlich mit der Zeit, aber wenn Ihr schon z.B. in einer Scrum Master Rolle steckt, aber nicht ganz genau wisst, wie um Euer Team herum die Dinge ablaufen, ist es meist ein ganz guter Start, wenn Ihr Euch das Organigramm mit den Rollen und Organisationseinheiten schnappt und quasi in konzentrischen Kreisen um Eure eigene Position herum lernt, was diese tun und verantworten. So baut Ihr Euch selbst ein gutes Verstehen der Zusammenhänge auf.
Arbeitspsychologie oder Soziologie oder sowas
Das hier ist schon etwas spezieller und auch nicht ganz leicht zu lernen. Mit jedem Jahr an Erfahrung wird man darin (fast) ganz automatisch besser, wenn man nicht mit fest geschlossenen Augen und Ohren durch die Welt geht.
Bei allen Begriffen wie Ablauf- und Aufbauorganisation, sind es am Ende Menschen, die handeln, und die wir in ihrem Handeln unterstützen sollen. Da hilft es sehr, wenn man versteht, warum sie reagieren wie sie reagieren, warum sie tun was sie tun. Dabei hilft uns die allgemeine Psychologie und natürlich die Sparte der Arbeitspsychologie.
Ein Beispiel: wir lesen immer, dass es zu unseren Aufgaben zählt, Widerstände aufzulösen. Das kann ich entweder tun, indem ich mit der Regelkeule auf sie einschlage, oder indem ich erst einmal verstehe, wo diese Widerstände herkommen. Worin sind sie begründet? Spielen Ängste und Unsicherheiten eine Rolle, oder geht es um etwas Profanes wie Trotz oder verletzten Stolz? Wenn wir das wissen, können wir anders mit den Situationen umgehen.
Wir können auch sagen. Empathie ist dabei wichtig, und gehen damit in die Soft Skills, aber der Punkt ist, dass Empathie reaktiv ist. Damit kann man letztlich nur auf etwas reagieren, während Arbeitspsychologie letztlich proaktiv ist. Wir könnten sogar Vorhersagen treffen. Außerdem versetzt es uns in die Lage, Zusammenhänge zu erkennen, Empathie hingegen bezieht sich auf Einzelpersonen.
Ich halte dieses Kenntnisfeld für ungemein wichtig, auch wenn fast nie darüber gesprochen wird. Leider ist es schwer und aufwändig, sich hier in kurzer Zeit fundiert zu bilden. Ein nebenberufliches Psychologiestudium ist vielleicht etwas zu viel verlangt. Wir können natürlich Bücher lesen, aber die Brücke von Theorie zu Praxis ist auch nicht ohne. In jungen Jahren hat es mir persönlich am meisten geholfen, von erfahreneren Kolleg*innen zu lernen. Wenn Ihr einen einfachen Einstieg haben wollt, fragt einfach mal Google nach dem Google Projekt Aristoteles.
Ich warne hier übrigens davor, die Dinge zu leicht zu nehmen und zu schnell zu sagen: kenn ich und weiß ich. Wenn wir uns in einer solchen Frage irren und von einer falschen Voraussetzung ausgehen, können wir recht schnell recht großen Schaden anrichten, wenn wir z.B. Unsicherheiten falsch interpretieren als Trotzreaktion. Mit langer Erfahrung kann man Vieles recht gut einordnen, aber glaubt mir: das geht nicht von heute auf morgen. Im Berufsumfeld verhalten sich Menschen sehr oft sehr anders als zu anderen Gelegenheiten.
Diese drei Kenntnisfelder halte ich für sehr wichtig, bleiben noch die Soft Skills, nicht wahr?
Empathie, Teamfähigkeit … blafasel. Das Übliche.
Echt. Ist nicht viel.
Wenn man kein selbstgerechtes Arschloch ist, passt das schon.
Eine Sache gibt es da aber vielleicht doch: Pragmatismus.
Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Wir machen den ganzen Agile Kram nicht zum Selbstzweck. Das ist ein Werkzeug, das einem Ziel dient. Letztlich ist es eine Projektmanagementmethode. Wichtig ist das Projekt, nicht die Methode. Ich könnte auch sagen: Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel.
Unser Ziel ist eine Optimierung der Abläufe, eine Optimierung der Performance, eine Optimierung der Qualität oder was auch immer. Dabei bewegen wir uns in einem Umfeld, das weitere Leitplanken neben den Scrum Leitplanken setzt. Wir haben Unternehmensvorgaben, Prozesse oder einfach Entscheidungen zu beachten, die dafür sorgen, dass wir Kompromisse eingehen müssen.
Unter Pragmatismus verstehe ich, Dinge nicht ändern zu wollen, die ich nicht ändern kann. Im Zweifel sind es Rahmenbedingungen, die ich akzeptieren muss, um das Beste daraus zu machen. Wenn Ihr mehr erfahren wollt, oder Unterstützung braucht, sprecht mich einfach an.


